SY Ladiala

Die Bahamas, 4M+1, Mai 2019

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Um es gleich vorweg zu nehmen: Hier schreibt nicht Michèle oder Mark sondern ein Gastschreiber, der mitreisen durfte. Die Seglersprache wird etwas darunter leiden, aber es entsteht die Gelegenheit für einen anderen Blick auf dieses Abenteuer und die coole Band!

Und ein bisschen verrückt sind sie auch noch. Wer würde schon einen Kumpel von früher für vier Wochen in seiner 65m2 Wohnung aufnehmen, nur weil dieser auf ein paar tolle Erlebnisse hofft und aus dem Alltag ausbrechen will?

Nun, die 4M haben es getan. Und genau das ist der Punkt. Andere reden davon, viele beneiden sie, aber die 4M sind seit über einem Jahr unterwegs mit ungebremster Reiselust.

Aktueller Ort: Die Bahamas, über 3000 Inseln, die sich vor der Küste Floridas im Flachwasser verteilen. Baha Mar, so wurde es von den spanischen Entdeckern genannt. Weite Gebiete sind nicht tiefer als fünf Meter, und zwischen den Inseln gibt es enge Passagen mit starker Strömung. All dies, Wetter und Gezeiten führen dazu, dass die Reiseroute genaue geplant werden muss. Die Inseln haben kaum eine Erhebung. Von der Hauptinsel sieht man durchs Fernglas zuerst nicht etwa einen Berg, sondern die Hotelbauten, die auf der abgewandten Seite stehen! Sandstrände mit Palmen wechseln sich ab mit unterspülten Felsen, dichtem Gehölz und pinienartigen Bäumen.

So einheitlich wie die Natur die Inseln erobert hat, so unterschiedlich haben wir die Siedlungen und die Bewohner erlebt. Man hat das Gefühl, dass sich jeweils Gleichgesinnte gefunden haben. In Hope Town vorwiegend Weisse, die zum Sportfischen und Segeln da sind, im Exuma National Park die naturbegeisterten Segler, die Ruhe und Entspannung suchen und finden, in Fox Town die schwarze Bevölkerung, die nach einer Woche Muscheln tauchen und Fischen sich am Samstagabend in der Bar betrinkt und tanzt und am Sonntagmorgen um sechs vom digitalen Glockenspiel der Kirche geweckt wird, und in Nassau die 60% der Bevölkerung, die auf einen besseren Job hoffen und neidisch zur Silhouette des Paradise-Hotel blicken. Und dann gibt es noch Captain Bird (94!) und sein Spanish Wells. Spontan fährt er uns auf seinem Golfcruiser über die Insel und zeigt stolz all die gepflegten Häuser und Vorgärten. Der Abfall wird am Strassenrand in Kübeln deponiert, jeden Abend abgeholt, endet aber trotzdem auf der Deponie am Ende der Insel, wo er später verbrannt wird- leider.

Aber die grossen Abenteuer warten unter der Meeresoberfläche auf uns. Drei davon müssen exemplarische herhalten, denn von allen zu berichten, würde vielleicht die Leser vorab aber den Schreiberling überfordern.

In die Top drei schaffen es natürlich die Haie. Bitte jetzt nicht in Panik verfallen und nur noch aufblitzende Zähne vor dem inneren Auge sehen, sondern das intelligente Kraftpaket bewundern. Es ist so intelligent, dass es vor dem Zubeißen abschätzen kann, dass der Mensch keine lohnenswerte Beute ist, weil er viel zu wenig Fleisch am Knochen hat. Gleich in den ersten Tagen auf Exuma sahen Mark und ich am Abend vom Schlauchboot aus eine Haiflosse am felsigen Ufer hin und her wandern. Kurze Zeit später wurde der Hai gewahr, dass ich im Wasser war, wollte wissen, was ihn da beim Jagen stört und zog mit langsamen Bewegungen an mir vorbei, fort zur nächsten Bucht. Meine erste Begegnung mit einem Hammerhai! In der nächsten Szene waren es etwa fünfzehn Ammenhai am Dock. Ein Sportfischer filetierte seine Fang, ein halbes Dutzend mächtige Mahi Mahi. Wer wollte, durfte das etwa einen Meter lange Fischgerippe am Schwanz halten, den Happen vor den Haien hin und her schwenken und Seilziehen spielen, bis der Kopf mit einem heftigen Ruck abgerissen wurde. Eine kleine Show für Touristen aber dennoch eindrücklich, wie nahe man so den Tieren kam, die zwischen Fischkopf und nackten Füssen unterscheiden konnten. Im Nationalpark besuchte uns am Ankerplatz täglich ein einzelnes Tier und schwamm geduldig in der Strömung hinter dem Schiff. Sogar Berührungen liess er zu. Am nächsten Tag entdeckten wir ihn an seinem Schlafplatz zwischen zwei grossen Korallenstöcken.

Nur einen Zahn aber nicht weniger faszinierend hat die Conch. Eine etwa Kokosnuss-große Muschel, die kaum natürliche Feinde kennt, und deshalb in grosser Zahl vorkommt, im Wasser und auf der Speisekarte. Ihre zwei Augen erinnern an Schnecken, und mit ihrer spitzen Kralle kann sie sich am Meeresgrund fortbewegen und den unvorsichtigen Schnorchler mit einem schmerzhaften Pickser in die Flucht schlagen, vorerst. Denn wir bleiben fasziniert von dem Geschöpf, schauen den Fischern zu, wie sie an geeigneter Stelle ein Loch in die Muschel hämmern, um das Tier aus dem Gehäuse zu stossen. Damit war auch gleich das Ziel gesetzt: Finde eine Muschel ohne Loch (und ohne Tier) um dann doch wieder an der Spitze eine Öffnung zu fräsen, damit sie als Karibik-Horn eine neue Aufgabe bekommt. Bis zu meiner Abreise konnten wir der Muschel leider nur ein klägliches Röcheln entlocken.

Nun wir es etwas emotional. Es geht um Seesterne und zwar nicht um die kleinen feingliedrigen sondern um richtige Riesen. Ihre Arme sind kürzer, der Körper massig, etwa eine Handbreit dick und das ganze Tier so gross wie eine Pizza. Der Fischer lebt von ihrem Verkauf. Er hat seinen Stand beim Pier, wo die grossen Kreuzfahrtschiffe anlegen und die Passagiere ein paar Stunden Zeit haben für Shopping und den Besuch der Paradise Island. Er erzählt von seiner Arbeit und lädt uns ein, am nächsten Tag mitzukommen zu den Seesternen. Es ist dann zwar am übernächsten Tag, aber der Fischer hält sein Wort und wir tuckern neben ihm her – bis uns die Hafenpolizei stoppt, weil wir offensichtlich etwas unklug an einer (Wasser-)Kreuzung nach Muscheln tauchen wollten. Die Seesterne wären noch weiter draussen, wo wir aber wegen der hohen Wellen nicht mehr hin wollen. Als Dank und weil das ja auch der Plan war, dürfen sich Maxim und Mara je einen Stern aussuchen. Einen Moment lang entschuldigen wir den Kauf damit, dass seine Tiere ja schon Tod sind, aber eine Grundsatzdiskussion kann damit nicht verhindert werden, an der sich sogar noch ein Passant am Pier beteiligt. Auf See muss man sich offensichtlich nicht rechtfertigen, warum man nicht Vegetarier oder Veganer ist, sondern welches Tier man aus dem Meer fischt.

Ich weiss, dass waren jetzt drei Geschöpfe, aber “einen hab’ ich noch”: Seit der Muppet Show kennt man “Schweine im Weltall”, seit den Bahamas kenne ich Schweine im Meer (nicht zu verwechseln mit Meerschweinchen). Diese Exemplare kommen tatsächlich schwimmend auf das Boot zu und betteln um Futter! Sie sind ähnlich aufdringlich wie Affen, weshalb es am Strand klare Verhaltenshinweise gibt: “Hände hoch” und zeigen, dass man nichts Essbares mehr hat. Und tatsächlich, die Pantomime funktioniert, schlaue Viecher.

Aber die 4M sind alle noch viiiel schlauer! Und grossartige Gastgeber! Sie geben einem das Gefühl totaler Sicherheit, auch wenn mal nicht mehr als 50cm Wasser unter dem Kiel ist. Alles ist voraussehend geplant und doppelt gesichert. Spontaneität kommt nicht zu kurz, und die anhaltende Freude über das Abenteuer durchströmt das ganze Schiff. Wenn dann Maxim seinen Plan zum Tag darlegt und Mara auf der rasanten Fahrt im Dingi ihre englischen Lieder singt, ist das Glück näher als zum greifen nah.

Mit grossem Dank für die wunderbare Zeit

Felix