SY Ladiala

Alltag mit Kindern auf See

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Wir werden häufig gefragt, wie das Leben für die Kinder sei auf dem Schiff – weniger häufig, wie das Leben für uns mit Kindern ist auf dem Schiff… Klar, am liebsten haben sie andere Kinder um sich herum oder auf den Nachbarbooten oder das gemeinsame Flotillensegeln: 2-5 Schiffe treffen sich gemeinsam an immer wieder neuen Ankerplätzen, Apero, Essen, Strandfeuer, Spielen, Video schauen etc. Für uns Eltern ist das auch toll aber ein Megabetrieb ohne Pause und auch immer verbunden mit konstanter Aufmerksamkeit, dass kein Unfall auf Schiff und im Wasser passiert. Im Hafen, wo die Kinder herumrennen ist das dann nicht ganz einfach.

Wir verbringen fast täglich Zeit mit «Kämpfen», Kitzeln, Knuddeln, Basteln, Muschelsuchen und Erklären (warum? wie geht das? wieso?) der vielen unbekannten Dingern auf dieser Welt mit Worten, Bildern oder am Liebsten You-Tube-Filmchen. Geschichten erzählen (aktuell der kleine Mann von Erich Kästner) und «Schiffs-Chindsgi» (Maxim zieht «Schuel» vor) auf Deutsch und English so gut es geht. Fast alle Filmchen, Lehrvideos, Hörbücher, Büchlein etc. sind auf Englisch, weswegen wir Eltern oft zusammen mit den Kindern die Sachen anschauen, hören, durchblättern und beim Verständnis helfen.

Es gibt eine Aera «mit Windeln» und «ohne Windeln» – «ohne» anfangs dafür mit mehr Wäsche waschen und Boden, Bodenbretter und «das drunter» reinigen.

Grossen Momente sind die Nachtfahrten- immer noch: die Kinder wollen bei uns einschlafen beim Steuerstand und den Wachführer in die Nacht begleiten – wenn die See ruhig ist. Wir tragen sie dann runter in ihre Kojen wenn sie tief schlafen. 2x ist Maxim dabei frühmorgens bei Dunkelheit im Bett aufgewacht, ist aufgestanden und zum Steuerstand hochgekommen und wir haben gemeinsam «Arm-in-Arm» den Sonnenaufgang, das beginnende Tageslicht und den Horizont beobachtet.

Maxim fischt, auch wenn die Geduld jeweils nur für 5-15min reicht, und er fängt. Zudem: er beobachtet die Fischer am Ufer und setzt dann um, was er sieht und will ganz bestimmt Dinge aus dem Fishing & Bait Shop damit er besser fischen kann.
Mara hat sehr konkrete Vorstellungen wie ihr Kleiderstil sein muss: «nicht ohne mein Röckli», oder am liebsten nur Unterhosen oder gar nichts und nie Socken. Als es kälter wurde konnten wir anfangs keinen Kompromiss finden (klingt einfach, war es aber nicht). Erst als sie in Unterhosen bei viel Wind und Wolken und 16° C Lufttemperatur auf dem Dach/Sun-Deck stand, bis sie kalt hatte und etwas anziehen wollte, verstand sie meine Bemühungen um Pullover/Jacke lange Hosen (nur Legins extra 3 gekauft und darüber Röckli). Seither geht sie am Morgen gelegentlich aufs Dach in Unterhosen oder Pyjama, um zu schauen wie warm/kalt es ist. Ansonsten zieht sie alles an was assoziiert werden kann mit Prinzessin, Mehrjungfrau, Cinderella und Snow-white – alles andere eher nicht; zu meiner Verzweiflung. Sie kann viel Zeit für Kleiderwechsel aufbringen und mit grosser Geduld Lego und Playmobil spielen wobei wir alle 2-3 Wochen die Spielsachen, Büechli ect. austauschen und dann ist alles wieder spannend.
Zeichnen und Malen hat einen grossen Stellenwert und dient ganz offensichtlich der Verarbeitung der vielen Eindrücke und von neuen Kinder-Erkenntnissen sowohl für ihre Vergangenheit als auch für die von ihnen wahrgenommene Zukunft – «wämmir dänn i dä Schwiiz sind, dänn» oder es werden Walfische, Raketen, Mondlandung, Häuser, Wolkenkratzer, «diä Frau» (Freiheitsstatue) etc gezeichnet und es folgen vielschichtige Erklärungen zu den Zeichnungen und Bildern auch von Mara.

Grossartige Momente sind seit neuestem die Balett-Tanzübungen von Mara (an jeder Stange, auch im Lift mit Spiegel) und ihre Versuche, mit allen Schuhen «auf Spitzen» zu tanzen. Michèle hat mit den Kids Zauberflöte und Schwanensee angeschaut und hat ein Balett-Büchlein Wir haben sogar eine Familienaufführung gemacht auf Turks&Caicos – darüber habe ich geschrieben und mein Part und meine Performance bis heute erfolgreich verdrängt.

Eine von Maxim’s Lieblingsbeschäftigung – wenn keine anderen Kids zum Spielen da sind: suchen, graben, finden und sammeln und damit spielen und basteln. Entsprechend liegen auch immer Fund-Gegenstände und Strandgut irgendwo auf dem Schiff und in der Kinderkoje herum und Maxim hat häufiger als uns lieb ist unübersehbare Schmutzränder unter den Fingernägeln.

Ein klassischer, etwas anstrengender Ankertag:
05h Tagwache für mich: Maxim weint, weil er ins Bett gepinkelt hat (in dieser Episode ca alle 10-14 Tage), inkl. Decke/Kissen/Nuschi. Alles entfernen, Bueb wird getröstet, geduscht, Ersatz-Pyjama und Nuschi. Er kommt zu uns ins Bett und sucht Nähe, was dem weiteren Schlaf nicht förderlich ist. Wir haben auf dem Schiff zwar Ersatzbettwäsche aber kein Ersatz-Duvet/Kissen.
830h mit Dinghy zur Laundry. Alles waschen und 3x Trockner = Total 19USD, alles in Quaters einzuwerfen = 76 Münzen, Geldwechseln ….. Das beschäftigt uns den ganzen Morgen. Zwischenprogramm für Michèle: jogging/work-out. Für mich: 3x Kaffee (habe bis 0130h zwei Filme geschaut, selber schuld…), kleines Knuddel-Programm, Kinder-Frühstück. Dabei leert Mara süssen Cranberry-Saft schön verteilt über die Sitzpolster zudem auch unter Polster, zwischen Sitzbretter und unter Sitzbretter zu den Dosen und anderen Vorräten. Frühstück rasch beendet, ich habe inadäquat und laut kommentiert, alle Sitzpolster flogen raus aus dem «Salon». Dann reinige und schruppe ich knapp 2h Sitzpolster, weil die weiss-creme-farben sind und durch die Kinderfüsse wirklich grau-dreckig werden und sowieso dringend gewaschen und geschruppt werden sollten. Bis jetzt haben wir erst ein einziges Putzmittel in Italien( im Juli 2018!) gefunden, welches den Dreck vernünftig löst. Nun ist das Putzmittel heute aufgebraucht. 2/3 der Polster sauber, 1/3 grau-weiss-dreckig.

Die Kinder haben mit wenigen Streitunterbrüchen ausdauernd, autonom und kreativ mit Lego gespielt. Michèle kommt vom Jogging mit der Bettwäsche zurück und geht dann in ihren Crew-freien Tag. Ich räume auf. Dann gehen wir auf dem Spielplatz mit Velo/Scooter. Tasche parat machen, Znüni, Notfall-Apotheke/Pflästerli, Sonnencreme auf Gesichter verteilen, alles verladen in Dinghi (wir sind vor Anker). Kurzes Geplänkel mit Mara wegen Sockenfarbe (zum ewigen Röckli auch auf der Rutschbahn etc. sage ich schon gar nichts mehr). Wir gehen ans Ufer, nehmen die frisch gewaschene, immer noch feuchte Bettdecke nochmals mit in die Laundry zum 2. Trockengang. Auf dem Spielplatz: die Kids sind alleine, wollen zuerst nicht so recht spielen und klettern auf mir rum (ich wollte eigentlich mein bescheidenes Stabilisierungs-Workout machen und bin etwas genervt). Dann endlich ein Mädchen, Mara gleich hin: do you wanna play with me? Klappt nicht so recht. Am Schluss will das Girl lieber mit Maxim spielen und Mara versinkt im emotionalen Elend. Ich ganz der Vater – mit den Tränen und Rotze an meinem frischen T-Shirt. Es ging dann doch mit den Girls, sodass ich mit Maxim Werfen und Fangen spiele und erste Frisbee versuche mache – war eigentlich recht cool ist. Übliche Verärgerung bei den Kids als wir (also ich) zurück aufs Schiff zum Mittagessen wollen. Am Ufer Pipi-Pause auf öffentlichem Männer-WC, was ja immer eine hygienische Herausforderung ist für kurzbeinige Sitzpinkler bzw. deren Eltern. Dann, im Dinghi stehend, vor dem Losbinden/Ablegen, greife ich zu den Schwimmwesten für die Kids als ich aus dem Augenwinkel gerade noch Mara auf das Dinghi springen sehe und sie mit einer Hand vor dem Sturz ins Wasser erwische – obwohl ich 5 Sek vorher gesagt habe: wart! Ich hol’ die Schwimmwesten. Kurzes, imperatives Geschrei von mir, dann weniger imperativ von Mara, dafür länger. Umkehren da Duvet in Laundry vergessen. Mittagessen, Abwaschen, kein Warmwasser, Generator auspacken und anwerfen, Benzin nachfüllen aus tief unten versorgtem Kanister. Telefon mit dem Suzuki-Service (ca zum 20. Mal in 6 Wochen) in Annapolis 650km von hier, Newport, entfernt: Immer noch keine Ersatzteile aus Europa; nerv!!! er soll US-Ersatzteile bestellen, auf gut Glück, die gehen sicher auch…. ich bezahl, F…k Garantie!, Er macht eine Offerte in 4 Tagen!! da er eine Auftragsbestätigung braucht von mir – ich kanns kaum fassen – nochmals 4 Tage!? – aber bleibe immer sehr freundlich sogar heute bei diesem nicht ganz einfachen Start in den Tag (s.o.). Dann besuchen wir den Hafenmeister und organisieren eine sturm-sichere Festmachboje (Kinder sind dann oft sehr hilfreich und lösen einen positiven, freundlichen Kommunikationsreflex aus beim Gegenüber – ausser Zoll/Immigration, die sind fast immer unfreundlich oder «neutral») weil wir hier gegen Mitte Oktober das Schiff 6 Wochen verlassen wollen und herumreisen werden im Oktober/November. Klappt problemlos und kostet 1320 $/Monat anstatt Hafenplatz für 5000 $/Mt – sehr nette Leute im Harbourmaster Office. Anschliessend Ice-cream und Maras frisch gewaschenes Kleidli ist richtig voll damit von oben bis unten inkl. Haare, Kinn, Hände bis Ellbogen. Geplant war, «die Waschstrasse» und den tollen Kids-Playroom vom Seaman Church Institute zu benutzen, welches jedoch seit knapp 20min schon geschlossen war, was grosse anhaltende Trauer mit heftigem Weinen bei Maxim auslöste. Beim Suchen nach einem Alternativprogramm im nahen Park treffen wir Michèle per Zufall. Glückliches von der Mauer springen mit Anlauf in unsere Arme – die Kids nicht Michèle – und dann gehen wir ins Vanderbuilt-Hotel in die Top-Roof-Bar im 5. Stock (es gibt in Newport keine Hochhäuser, nur 2-3 stöckige New-England Holzkonstruktionen) bei 18°C und Wind eher kühl dafür gute Drinks («Set Sails» und «Moscow Mule») und aufgestellte Kids. Schöne Aussicht und ehrliche, gemeinsame Erkenntnis, wie toll wir es wirklich haben als Familie hier und überhaupt. Zurück zu den Piers, mit Dinghi zu LaDiala. Ich gehe duschen mit Dinghi zurück im Newport Maritime Center (2min Dinghi-Ride) und bei der Rückkehr aufs Schiff werde ich bis auf die Unterhosen nass, weil es nun fest regnet. Dann gibt’s fein marinierte, «tender chicken breast – no antibiotics, no bones-» und die Kinder machen auf den frisch gereinigten Polstern mit dem Reis und der Beilage wieder ein Geschmier und Erbsli und Bohnen haben sie nicht gern! Dyson Hand-Staubsauger hilft da rasch (gegen Reis, nicht gegen Bohnen-Erbsli-Abneigung) trotzdem etwas Ärger bei den Eltern. Maxim will mit mir einschlafen, dann mit Mami, dann meint er, Zitat: «ich bruuche wükli einfach öpper zum Iischlafe» und bricht einmal mehr in herzergreifendes Weinen aus Diesmal nur für eine gefühlte Minute, dann bringt ihn Mara wieder zum Lachen und Spielen. Sie schauen Büechli an und es wird zunehmend ruhiger. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Abwaschen, aufräumen, Plaudern und die Rotweinflasche ist auch schon wieder leer. Wir sind auch müde obwohl erst 2130h und ich schaue diesen Abend keinen Film mehr….